Wie kann ein junger französischer Lehramtsstudent deutschen Gymnasiasten die deutsche Reichsgründung 1871 in der Sprache Molières beibringen? Ein Bericht von einem Unterrichtspraktikum an einer Berliner Schule.

Comment un étudiant français en pédagogie peut-il enseigner à des élèves allemands la création de l´Empire allemand (1871) dans la langue de Molière ? Rapport d´un stage pratique dans une école berlinoise.

Die Paulskirche wird anhand eines Overhead-Projektors an die Wand projiziert. Ich lade die Neuntklässler dazu ein, das Bild zu kommentieren: „Qu´est-ce que vous voyez ? Pensez aux cours précédents ?“. Nina* antwortet problemlos: „C´est la Paulskirche, appelée aussi le Parlement de Francfort.Eine Szene aus einem französischen Collège ? Ganz und gar nicht. Dort werden die Debatte der Paulskirche und die Märzrevolution 1848/49 kaum angesprochen. Wir befinden uns in einem Klassenzimmer des Berliner Rückert-Gymnasiums. Die Klasse, die ich im September 2010 unterrichtete, besteht aus ca. 30 Schülern, die sich mindestens seit der 5. Klasse intensiv mit der französischen Sprache auseinandersetzen. Die 14-jährigen Schüler haben die Chance, an dem deutsch-französischen Bildungsgang teilzunehmen, der zurzeit bundesweit an über 80 Gymnasien angeboten wird. Dies bedeutet, dass die Schüler am Ende ihrer Schullaufbahn gleichzeitig das Abitur und das Baccalauréat erwerben können. Besser bekannt als „ABI-BAC.“ „In der ABI-BAC-Klasse wird neben dem Intensivkurs Französisch bereits ab Klasse 7 géographie (Geografie) und ab Klasse 8 histoire (Geschichte) bilingual unterrichtet,“ heißt es in der Beschreibung des Bildungsganges auf der offiziellen Homepage der Schule.

Reichsgründung oder Deuxième République?

„Wollen Sie lieber die Deuxième République (1848-1852) oder den Weg zur Gründung des deutschen Kaiserreichs unterrichten, Herr Maignan?“, fragte mich Herr Pohl, Geschichtslehrer der zuvor erwähnten 9. Klasse. Das ist eine Besonderheit des bilingualen Bildungsgangs: Die deutschen Rahmenlehrpläne werden respektiert, aber die Schüler bearbeiten zusätzlich Themen, die ihre französischen Schulkameraden lernen. Im Rahmen meines Lehramtsstudiums absolvierte ich mein letztes Unterrichtspraktikum. Im Laufe der vier Wochen, die ich an dem Rückert-Gymnasium verbrachte, saß ich zuerst unzählige Stunden in der letzten Reihe der Klassenzimmer des alten Schulgebäudes. Beim Beobachten konnte ich verschiedene Lehrertypen erkennen: Die routinierten Lehrer, die eher Wert auf den traditionellen Frontalunterricht legen einerseits, und die innovativen, dynamischen Lehrenden, die noch kurz zuvor den Referendariatsmarathon durchliefen andererseits. Von allen konnte ich etwas mitnehmen, um meine eigene Unterrichtsart zu definieren. Im Visier hatte ich außerdem meine zukünftigen Kunden: die Schülerschaft. Da die Schule in einem eher gemischten sozialen Umfeld liegt, ist sie ein idealer Ort, um als zukünftiger Lehrer sich ein Bild von der Berliner Schulrealität zu machen. Dort beträgt z.B. der Anteil der Schüler nichtdeutscher Herkunft ca. 33 %, was für die kosmopolitische Hauptstadt Deutschlands leicht über dem Durchschnitt liegt.

Kein lebendes Lexikon mehr

Aus der Schülerperspektive war ich aber nicht nur ein Beobachter. „Monsieur Maignan, sind Sie jetzt unser neuer Geschichtslehrer?,“ fragte mich ein Schüler am zweiten Tag des Praktikums. Der zweite und wichtigste Teil meines Aufenthalts an dem Rückert-Gymnasium bestand nämlich daraus, eine Unterrichtsreihe zu geben. Zurück zu der Frage meines Mentors Herrn Pohl: Ich entschied mich für die deutsche Reichsgründung, da ich, als Student hier war, um möglichst viel zu lernen. Natürlich standen die didaktischen Erfahrungen im Vordergrund, jedoch wollte ich zusätzlich etwas lernen, was ich zu meiner Schulzeit im Nachbarland nicht lernen durfte. Aus der Universität brachte ich außerdem Kenntnisse über das deutsche 19. Jahrhundert mit. Ich vermute sowieso, dass ein Geschichtslehrer erst nach ungefähr zehn Jahren Berufserfahrung sein Fach beherrscht, zumindest was die Rahmenlehrpläne unter dem Begriff Geschichte verstehen. Heutzutage wird von dem Geschichtslehrer nicht mehr verlangt, ein lebendes Lexikon zu sein. Natürlich muss er fachlich qualifiziert sein, viel entscheidender im täglichen Unterricht ist jedoch seine pädagogischen Kompetenzen.

„Möglichst wenig zu Wort kommen“

Den Anfang der ersten Stunde hatten wir also schon: Die Debatte der Paulskirche 1848 und 1849. Im Laufe der von mir konzipierten Unterrichtsreihe (sechs Stunden) „En route pour le nouvel Empire allemand !“, was so viel wie „Auf dem Weg zur deutschen Reichsgründung“ heißt, versuchte ich möglichst wenig zu Wort zu kommen. Die tatsächliche Herausforderung jedes Lehrers! Ich versuchte also Arbeitsaufträge zu erstellen, mit denen die Schüler eigenständig oder in Partner- bzw. Gruppenarbeit die historischen Probleme, die in Deutschland, oder besser gesagt im zukünftigen geeinigten Deutschland,  in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herrschten, erkennen konnten. Am Ende der sechsten Unterrichtsstunde bat ich die Schüler um ein schriftliches Feedback. Da der Unterricht überwiegend einsprachig auf Französisch durchgeführt wurde, war ich auf die Fragen bezüglich der Unterrichts- und Lehrersprache gespannt. 85 % der befragten Schüler fanden die Texte, die bearbeitet wurden und immer von zweisprachigen Vokabellisten begleitet waren, leicht verständlich und 90 % konnten dem Lehrer leicht folgen, wenn er etwas auf Französisch erklärt hatte. Waren die Neuntklässler während meines Unterrichts unterfordert? Die nächste Bemerkung eines Schülers bestätigte das Gegenteil und das wichtigste Ziel meiner Unterrichtsart: „Sie haben den Lernenden klar gemacht, dass Fehler nicht schlimm sind und sie motiviert weiterzuarbeiten.“

*Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.

Bilder:

  • Drei Karikaturen Bismarcks, die von Schülern der 9. Klasse gezeichnet worden sind.
  • Teaserbild: Gemälde von Anton von Werner: Kaiserproklamation in Versailles (1882).

L´Église Saint-Paul de Francfort est projetée au mur à l´aide d´un rétroprojecteur. J´invite les élèves de 9ème – l´équivalent de la 3ème en France – à commenter l´image : « Qu´est-ce que vous voyez ? Pensez aux cours précédents ? ». Nina* répond sans problème : « C´est la Paulskirche, appelée aussi le Parlement de Francfort ». Scène issue du quotidien d´un collège français ? Pas du tout. Les débats de l´Église Saint-Paul de Francfort et la Révolution de Mars des années 1848-1849 n´y sont presque jamais traités. Nous nous trouvons dans une salle de classe du Rückert-Gymnasium à Berlin. En septembre 2010, j´ai enseigné l´histoire à une classe d´environ 30 élèves, qui, depuis la 5ème classe – l´équivalent du CM2 –, apprend le français de manière intensive. Les adolescents, âgés de 14 ans, ont la chance d´être membres de la section bilingue franco-allemande qui est proposée dans plus de 80 établissements sur le territoire allemand. Qui dit section bilingue, dit possibilité d´obtenir en même temps l´Abitur et le Baccalauréat, diplôme plus connu sous son abréviation « ABI-BAC ». « Dans la classe ABI-BAC, la géographie, à partir de la 7ème (5ème en France), et l´histoire, à partir de la 8ème (4ème en France), sont enseignées de manière bilingue. En parallèle, les élèves suivent des cours intensifs de français », apprend-on sur le site internet officiel de l´école.

Création de l´Empire allemand ou Deuxième République?

« Voulez-vous plutôt enseigner la Deuxième République (1848-1852) ou la création de l´Empire allemand, Monsieur Maignan ? », m´a demandé Monsieur Pohl, professeur d´histoire de la 9ème classe évoquée plus haut. C´est une spécificité de la section bilingue, similaire d´ailleurs à la section européenne : les programmes scolaires allemands sont respectés, mais les élèves apprennent, en plus, des thèmes traités dans les salles de classe françaises. Dans le cadre de mes études (Master en pédagogie), je me dois d´effectuer plusieurs stages pratiques dans des établissements scolaires. Le Rückert-Gymnasium était la dernière station. Au cours des quatre semaines passées au lycée, j´ai, dans un premier temps, passé de nombreuses heures assis au dernier rang à observer les différents types d´enseignants : d´un côté, les professeurs expérimentés qui cultivent le cours magistral, et de l´autre côté, les enseignants dynamiques et inventifs, qui, il y a encore très peu de temps, couraient le marathon du professeur stagiaire. J´ai pu m´inspirer de ces deux manières différentes d´enseigner pour créer ma propre méthode. En outre, j´ai pu observer attentivement ma future clientèle : les élèves. L´école étant située dans un environnement social très hétérogène, elle est un lieu idéal pour se faire un aperçu de la réalité scolaire à Berlin. Par exemple, 33 % des élèves du Rückert-Gymnasium sont d´origine étrangère, ce qui est légèrement au-dessus de la moyenne de la capitale allemande très cosmopolite.

Les encyclopédies vivantes, c´est du passé

Pour les élèves, je n´étais pas seulement un observateur. « Monsieur Maignan, est-ce que vous êtes notre nouveau professeur d´histoire ? », m´a demandé un élève lors de ma deuxième journée de stage. La deuxième et plus importante partie de mon séjour au Rückert-Gymnasium consistait à donner une séquence de cours. Retour, donc, à la question de mon tuteur de stage, Monsieur Pohl : je me suis décidé pour la création de l´Empire allemand. En tant qu´étudiant, je voulais apprendre le maximum de choses. Bien sûr que les expériences didactiques étaient au centre des découvertes, mais j´ai voulu apprendre, en plus, ce que je n´avais pas appris lors de mon cursus scolaire dans mon pays d´origine. Cependant, l´université m´avait déjà transmis de nombreuses connaissances sur le XIXème siècle allemand. De toute façon, je suppose qu´un professeur d´histoire commence à maîtriser son sujet après environ dix ans d´expérience professionnelle, ou tout du moins ce que les programmes scolaires entendent par « histoire ». De nos jours, on ne lui demande plus d´être une encyclopédie vivante. Il doit bien sûr être expert dans son domaine, mais sa capacité à transmettre aux élèves des compétences est beaucoup plus importante.

« Prendre la parole le moins possible »

Nous avons déjà parlé du début de la première heure : les débats de l´Église Saint-Paul de Francfort en 1848 et 1849. Au cours de la séquence de cours que j´ai conçue, intitulée « En route pour le nouvel Empire allemand », j´ai essayé de prendre la parole le moins possible. Le challenge de chaque enseignant ! J´ai donc créé des fiches de travail permettant aux élèves de découvrir de façon autonome, à deux ou en groupe les problèmes historiques de la deuxième partie du XIXème siècle en Allemagne, ou plutôt de la future Allemagne unifiée. À la fin de la sixième heure, j´ai demandé aux élèves de remplir un questionnaire pour avoir leurs impressions et leurs commentaires sur la séquence qui touchait à sa fin. Le cours ayant été mené plutôt en français que de manière bilingue, j´avais hâte de connaître leurs réactions par rapport à la langue du cours et le langage de l´enseignant. 85 % des élèves interrogés ont trouvé les textes, qui étaient toujours accompagnés de listes de vocabulaire, très compréhensibles et 90 % pouvaient facilement suivre le professeur quand il expliquait quelque chose en français. Est-ce que mon cours était trop facile ? La remarque suivante d´un élève prouve le contraire et confirme l´objectif le plus important de ma manière d´enseigner : « Vous avez bien fait comprendre aux élèves que les erreurs n´étaient pas graves et vous les avez encouragés à continuer à travailler ».

* La rédaction a changé tous les noms.

Illustrations :

  • Trois caricatures de Bismarck réalisées par des élèves de la 9ème classe.
  • Tableau de Anton von Werner : Kaiserproklamation in Versailles (1882).