Freundschaft ohne Grenzen
Wie man während eines Lebens vier Mal die Nationalität wechseln kann, beschreibt die französische Journalistin und Schriftstellerin Pascal Hugues in ihrem Buch „Marthe & Mathilde“, die fast märchenhafte Geschichte ihrer beiden Großmütter.

Mit der Biographie ihrer beiden Großmütter, Marthe und Mathilde, beschreibt die Journalistin und Schriftstellerin Pascale Hugues eine Freundschaft jenseits nationaler Identität, eine lebenslange Verbindung zweier starker Frauen, die eine Deutsche, die andere Französin und beide Elsässerinnen. Trotz ihres unterschiedlichen Charakters hielt ihre Freundschaft allen politischen Wirren stand. Die Heirat von Marthes Sohn und Mathildes Tochter schweißt die beiden energischen Frauen schließlich bis an ihr Lebensende zusammen. Nicht ohne Stolz beobachten die beiden Großmütter den Werdegang ihrer Enkelin, heute bekannte Korrespondentin und Vermittlerin zwischen beiden Kulturen. Ab 1989 lebt und schreibt sie in Deutschland, fasziniert von Berlin begleitet sie den Prozess der Wiedervereinigung kritisch, aufmerksam, scharfsinnig. Den Berlinern ist sie durch ihre oftmals freche Kolumne „Mon Berlin“ im Tagesspiegel bekannt, die durch ihren „French touch“ besticht. Ihr erstes Buch, Deutsches Glück, erschien 1999 und versammelt ihre Reportagen über den Alltag bei den Nachbarn. Hier überwiegt noch ihr journalistischer Stil. Nun also ein sehr persönlicher Blick in ihre eigene Familiengeschichte. Dabei ist die Geschichte des Elsass aufs Engste mit der Identitätssuche ihrer Großmütter verbunden. Die deutsch-belgische Mathilde begegnet der Elsässerin Mathilde mit 6 Jahren – in einem bürgerlichen Wohnhaus in Colmar. War die Region seit dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 in deutsche Hände gefallen, wurde sie als Ergebnis des Versailler Vertrags nach dem ersten Weltkrieg wieder Frankreich zugesprochen. Im Zuge der Französisierung, wurde alles, was deutsch war, geächtet – mit den „Boches“ vermied man Kontakt und Freundschaft. Unter deutscher Besetzung 1940-1945 wendete sich das Blatt erneut und die Parole lautete „Man spricht deutsch!“ Trotz der gegenseitigen Vorhaltungen zwischen den im Elsass aufeinandertreffenden Nationaliäten, brach die enge Verbindung zwischen Marthe und Mathilde nicht ab. Die germanophone Mathilde verdrängt nach der schrecklichen Zeit unter Hitler ihre deutsche Herkunft und versucht, sich mit aller Kraft als Französin zu definieren. Nicht zuletzt durch die Heirat mit einem Franzosen scheint sie mit ihren deutschen Wurzeln gebrochen zu haben. Wie ein Paradox der Geschichte wird ihre Enkelin später als Korrespondentin nach Deutschland gehen und einen Deutschen zum Mann wählen. Innerhalb einer einzigen Familie zeigt sich die schwierige Suche nach nationaler Identität – die für unsere heutige Generation kaum mehr vorzustellen ist. Nicht umsonst spricht man von der Generation „Erasmus“, denn viele Studenten verleben einige Zeit im Ausland und treffen dort auf junge Menschen anderer Nationalitäten. Sie teilen die gleichen Sorgen, Freuden und am Ende verschwimmen die nationalen Unterschiede, ohne dass viele berichten, sie hätten erst im Ausland ihre Heimat wirklich wertschätzen können. Dabei wirkt das Buch nie belehrend – kein Zeigefinger stößt den Leser auf endgültige Schlussfolgerungen über das Problem der nationalen Identität – zumal es diese zweifelsohne gar nicht geben kann. Vielmehr ist es der liebevolle Blick auf die Macken ihrer Großmütter, ihrer Persönlichkeiten, die deutlich macht, dass es am Ende um Menschen geht, nicht um Franzosen oder Deutsche. Schade ist, dass der Autorin nicht immer der lückenlose Sprung zwischen faktisch-informativer Darstellung und dem literarischen Potenzial gelingt, die eine solche Geschichte innehat. Manches mal würde man gerne tiefer in eine Begebenheit eintauchen, auch mit dem Risiko des Fiktiven, wünscht man, sich mit Marthe und Mathilde in den kleinen Gassen von Colmar zu verlaufen, wünscht sich ein fiktives Liebesabenteuer oder eine Eskapade beider Damen. Der deutschen Großmutter Mathilde wird wegen ihrer starke Persönlichkeit mehr Platz im Buch eingeräumt, doch Pascal Hugues liegt nicht daran, die beiden Frauen gegenüber zu stellen, zu oft betont sie die Parallelen ihrer Großmütter, manchmal möchte man meinen zu viel des Guten. Schwierig ist es zu Beginn, die Namen beider Frauen auseinander zu halten – es hilft, im Kopf Marthe auf Französisch und das Deutsche Marthilde zu lesen! Eine weitere Herausforderung an den Leser ist es, der Chronologie der Lebenswege zu folgen, die Hugues bewusst (?) unchronologisch präsentiert, so dass man sich lieber einen Zeitstrahl neben das Buch legt, auf dem die historischen Zugehörigkeiten des Elsass eingezeichnet sind. Man vermeidet so lästige Verwechslungen und versteht manches schneller. Doch nichtsdestotrotz bekommt man mit „Marthe und Mathilde“ eine anrührende Lebensgeschichte zweier Freundinnen vorgelegt, die aufs Beste darstellen, was deutsch-französische Freundschaft bedeuten kann. Über alle Hürden hinweg sind sie einander treu geblieben und auch ihrer Heimatregion, dem Elsass. Der elsässische Zeichner Tomi Ungerer wird gern zitiert mit „Das Elsass ist wie eine Toilette, immer besetzt” - vielleicht schafft es Pascale Hugues mit ihrem Buch den Lesern in Frankreich und Deutschland eine neue Idee zu geben, von einer Grenzregion, einer Region, die stets an ihre eigenen Grenzen stößt und einer Freundschaft, die ohne Grenzen ist.
