Das Bundesland Baden-Württemberg feiert dieses Jahr seinen 60. Geburtstag. Ein bedeutender Anlass, um die Beziehungen zu seinen nicht-deutschen Nachbarn einmal deutlicher unter die Lupe zu nehmen. Die offizielle Jubiläumsausstellung unternimmt hierbei einen Streifzug durch zwei Jahrhunderte wechselvoller Partnerschaft zwischen dem deutschen Südwesten, dem Elsass und der Nordwestschweiz.
Was heißt hier eigentlich Nachbar sein?
„'Liebe Deinen Nachbarn' - die Lebenserfahrung lehrt, wie schwer das manchmal ist“, heißt es in der Beschreibung zur Ausstellung. Und dennoch waren und sind die Geschicke der Menschen im Dreiländereck stets eng miteinander verwoben. Die Ausstellung beleuchtet hierbei die verschiedenen Situationen, in denen die Nachbarn einander begegnen. Dies geschieht über kleine aber bewegende zwischenmenschliche Geschichten. Gegenstände aus zweihundert Jahren, die den Protagonisten gehörten, alte Briefe, Bücher und Medaillen fungieren hier als Zeitzeugen. Filmausschnitte, Radiomitschnitte und eine witzige Reportage gestalten diese Ausstellung lebendig, sodass die Geschichten nicht hinter den Vitrinen bleiben, sondern in den Vorstellungen des Besuchers lebendig und erfahrbar werden, sobald er sich auf sie einlässt.
Der Nachbar als Gastgeber oder Gast... Etwa als im Jahr 1945 100.000 Schweizer Familien Pflegekinder aus Europa aufnahmen. Der Nachbar als Verbündeter oder Feind... Etwa als das Land Baden sich mit dem napoleonischen Frankreich verbündete oder sich Elsässer und Badener Jahre später in den Schützengräben einander gegenüberlagen. Der Nachbar als Partner oder Konkurrent... Etwa in den Bündnissen, die die Menschen im Dreiländereck miteinander eingingen, um gemeinsam gegen den Bau von Kernkraftwerken und eines Bleiwerkes zu kämpfen – mit Erfolg. Immer wieder ist der Nachbar auch Liebender und Geliebter. Da werden freudvolle aber auch hoffnungslose Liebesgeschichten zwischen Deutschen und französischen Kriegsgefangenen erzählt, und auch das Schicksal der circa 200.000 „Kindern der Schande“, wie die Nachkommen von deutschen Soldaten und französischen Frauen genannt wurden, wird beleuchtet.
Die Ausstellung ist nach diesen verschiedenen Arten der Nachbarschaftsbeziehungen gegliedert. Insgesamt 49 Geschichten vom Aufeinandertreffen unbekannter oder auch berühmter Nachbarn entfalten in der Ausstellung ein bewegendes Beziehungspanorama des Dreiländerecks. Es geht um offizielle und inoffizielle Bündnisse, um Flucht und Vertreibung, um angebliche Erbfeindschaft und Freundschaft, um Bewunderung und Abhängigkeit.
Eine lebendige Ausstellung, die nach Außen getragen wird
Die Ausstellung beschränkt sich bei weitem nicht darauf, nur in den vier Wänden der Museumsräume zu bleiben. Neben einem attraktiven Begleitprogramm mit Vorträgen und Zeitzeugengesprächen in Zusammenarbeit mit dem Alemannischen Institut Freiburg, der Badischen Zeitung und dem Kommunalen Kino in Freiburg bieten 15 Außeninstallationen in der Freiburger Innenstadt in Form von großen roten Sitzbänken Platz zum Ausruhen und regen dazu an, im Alltag über diese besonderen Dreiecksgeschichten nachzudenken.
Schulklassen wird ein gesondertes pädagogisches Programm mit Führungen und Mitmach-Workshops geboten.
Gemeinsam geschaffene Werte
„Wir sind nicht nur stark unter den Ländern, wir sind auch eine der innovativsten Regionen in Europa. Gute Nachbarschaft heißt deshalb heute Kooperation und Zusammenarbeit auf der Grundlage von Werten, die wir mit unseren Nachbarn gemeinsam geschaffen haben“, so drückte es der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei der Ausstellungseröffnung aus.
Liebe Deinen Nachbarn... wie dich selbst? Wie haben sich die Nachbarländer gegenseitig beeinflusst, was bedeuten Grenzen und ihre Überwindung für die eigene Identität?
Eine anregende Ausstellung mit faszinierenden Begebenheiten aus dem Alltag, die zweihundert Jahre Geschichte für jeden greifbar und begreifbar machen, abseits der Abstraktheit der Geschichtsbücher.
(Bildnachweise: Augustinermuseum, Haus der Geschichte, Holz Kobler Architekten/Dominik Fricker, Anette Post)










