Stereo Total, die verrückteste deutsch-französische Gruppe
Kein Zweifel: Stereo Total ist einzigartig. Ein tolles techno-pop Duo einer französischen Frau mit einem deutschen Mann: zwei fantasievolle Vierzigjährige, die irgendwie noch Kinder sind. Ihr neues Album ist in diesem Sommer erschienen.

Wie es der Titel ihres achtens Albums, „Paris-Berlin“, schon andeutet, verkörpert Stereo Total die deutsch-französische Stimmung. Mitte der Neunziger lernen sich Françoise Cactus und Brezel Göring in Berlin kennen. Beide sind Musiker und starten zusammen eines der originellsten musikalischen Abenteuer. Françoise Cactus – geborene van Hove – kommt ursprünglich aus der Bourgogne. Sie studiert zuerst Kunstgeschichte, Literatur und Linguistik in Besançon. Dann verbringt sie ein Jahr in Husum, in Norddeutschland, und zieht schließlich nach Paris um. 1985 kommt sie nach Berlin. Einmal in der deutschen Hauptstadt entscheidet sie schnell, die Stadt nie mehr zu verlassen. Mit der Gruppe „Les Lolitas“ fängt sie eine künstlerische Karriere an. In dieser Rockband spielt sie Schlagzeug und singt. Ihr Leben besteht aus Konzerttourneen in ganz Europa, ab und zu schreibt sie auch für die taz. Brezel Göring, wirklicher Name Richard Friedrich Ziegler, hat seinerseits Klavier und Schlagzeug gelernt. Mit der Gruppe Sigmund Freud Experience nimmt er zwischen 1987 und 1989 drei Platten auf.
Das Rezept von Stereo Total besteht aus einer überraschenden Mischung zweier Traditionen: dem „chanson française“ und der deutschen Elektronikmusik. Ihr musikalischer Stil zeichnet sich aus durch eine Mischung von Rock, Pop und Elektronik und ist geringfügig, aber dafür nicht minder deutlich, vom avantgardistischen und von der Berliner Undergroundszene beeinflusst. Verrückte Texte und lustige Reime werden zu Synthesizer, Schlagzeug und Gitarreakkorden gesungen. Die Texte, die Françoise Cactus singt – und manchmal spricht oder schreit – sind eine fröhliche Mischung aus dem Deutschen und dem Französischen, ab und zu auch mit einer englischen Note. In einigen Liedern kann man sogar japanische oder türkische Worte finden.
Die auf Französisch gesungenen Lieder erinnern oft an den Stil des berühmten Serge Gainsbourg. Naiv, selbstschöpferisch, ironisch, rebellisch sogar anarchistisch: die Texte von Stereo Total wirken gleichzeitig lustig und verwirrend. Hinter dem kindlichen und anscheinend leichten Ton verstecken sich oft tiefe Themen. Die Naivität ist mit Pessimismus nicht unvereinbar; das hört man im Lied „La douce humanité“: „wir sind nicht in einem Roman sondern in einem ekeligen Film“, „die Erde ist das Paradies des Leidens“, stellt die Sängerin mit Bitterkeit fest. Parallel kristallisiert sich aus den vielfältigen Liebesliedern eine berührende Romantik heraus. Und der Sex, Hauptthema der letzten Platte „Paris-Berlin“, wird mit Humor und Grausamkeit erzählt.
Die deutsch-französische Zweisprachigkeit, zu der sinnigerweise die Abwechslung von männlicher und weiblicher Stimme hinzukommt, gibt den Liedern von Stereo Total einen mysteriösen und unbeschreiblichen Charme. Außerdem ist Françoise Cactus’ französischer Akzent in den deutschen Liedern wirklich köstlich und so hat die Gruppe das deutsche Publikum schnell verführt.
2007 ist ein ereignisreiches Jahr für die beiden Musiker: Im Februar hat das Duo „Party Anticonformiste“ veröffentlicht: es handelt sich um eine Zusammenstellung ihrer alten Lieder, einschließlich Covers von Serge Gainsbourg, Sylvie Vartan oder Les Chaussettes Noires. Fünf Monate später erschien „Paris-Berlin“. Auf ihrer offiziellen Webseite beschreiben die Sänger die Platte als „dynamischer, härter und romantischer“. Dieses Opus bezieht sich sehr auf das Begehren, die Sehnsucht, die Beziehung zu dem Körper des Anderen. In einem Wort: auf eine Teenager Welt. „Miss Rebellion des Hormones“, zum Beispiel, erzählt die Entdeckung der Begierde bei einem Mädchen. Der Titel „Mai 68 in der Welt der Hormone“ spricht für sich und das provokante Lied „Komplex, mit dem Sex“ ist das tragikomische Bekenntnis einer Frau, die eine seltsame Libido hat. „Lolita fantôme“ ist gleichzeitig eine Anspielung auf die sensuellen Lolitas aus Gainsbourgs Liedern und auf die Zeichentrickmusik. Hier wird der Text von keiner tiefen und verräucherten Stimme gesprochen, sondern auf eine naive Melodie von der kindlichen Stimme von Françoise Cactus gesungen.
Natürlich werden viele von diesem ungewohnten Stil genervt. Doch muss man zugeben, dass diese sprudelnde Gruppe, die sich nie zu ernst nimmt, zumindest den Titel des deutsch-französischen – wenn nicht europäischen – Ufos verdient hat! Stereo Total reimt sich sogar auf international und das zu Recht, waren die beiden Musiker doch zuletzt in den USA, in Kanada und in Australien unterwegs. „Bonne chance et plein de succès“ wünschen wir ihnen für die Zukunft!
Links
http://www.stereototal.de/home/intro_de.html
http://www.myspace.com/stereototal
