Befragt man 1005 Franzosen, spontan Assoziationen zu nennen, die sie mit Deutschland verbinden, so „häufen sich vor allem [jene], die Deutschland als ernst, aber auch diszipliniert, fleißig und einflussreich beschreiben“, analysiert das IFOP. Zwischen Ernst und Disziplin findet man Angela Merkel, mit 20% auf Patz zwei der spontan gegebenen Antworten. Doch es scheint nur logisch, dass die befragten Franzosen in ihr ein Symbol für diese Werte sehen, da sie seit ihrer Wahl zur Kanzlerin 2005 aufgrund ihrer privilegierten Beziehung zu Nicolas Sarkozy in den französischen Medien sehr präsent ist. Den Kern der Studie bilden Fragen, die auf einen Vergleich beider Länder bezüglich ihrer wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lage abzielten. Veröffentlicht wurde die Umfrage einige Wochen vor einem Fernsehauftritt des ehemaligen Präsidenten, bei dem er das deutsche Modell pries. So erschien die Befragung wie ein Vorbote der präsidentiellen Wahlkampagne, die Deutschland einen Vorbild-Status zuschrieb.
„Was ist bloß mit Frankreich los?“
Abgesehen von der wirtschaftlichen Bilanz zeigt die Studie, dass das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg immer weniger blind mit dem deutschen Volk assoziiert werden. Der Fall der Berliner Mauer und die Wiedervereinigung werden nun als Ereignisse definiert, die das heutige Deutschland symbolisieren. Obgleich jedoch die gestellte Frage „Welches Ereignis symbolisiert Deutschland?“ lautete, nannte eine nicht unbedeutende Anzahl der befragten Personen noch einmal wirtschaftliche Dynamiken und politische Führung. Dies beweist erneut, wie ausschlaggebend diese aktuellen Themen für den französischen Kollektivgeist zu sein scheinen.
Die Dokumentation Was ist bloß in Frankreich los? von Tom Theunissen, die im April auf WDR Weltweit ausgestrahlt wurde, wirft einen vergleichenden und auch kritischen Blick auf die Vorurteile zwischen den beiden Ländern. So wird beispielsweise das Klischee des streikenden und „revolutionären“ Franzosen kontextualisiert. „Die Wahrheit ist, dass die Franzosen unheimlich schwach gewerkschaftlich organisiert sind. […] Eine wirkliche Macht in den Betrieben haben sie nicht“, bemerkt der deutsche Journalist Michael Strempel. „Aus diesem Grund sind sie darauf angewiesen, bei solchen Veranstaltungen [Demonstrationen] viel Aufmerksamkeit zu erregen.“ Obwohl diese Analyse stimmt, erinnert die Dokumentation nicht daran, dass der durch die französischen Gewerkschaften so oft verteidigte Mindestlohn noch weit davon entfernt ist, auch in allen deutschen Betrieben eingeführt zu werden.
Erneuerbare Energien gegen Kernkrafttradition
Die IFOP-Studie zeigt, dass 88% der Personen, die mit der Idee eines ökologischen Europas sympathisieren, eine positive Meinung von Deutschland haben. Das ist fast ein genauso großer Prozentanteil wie jener der deutschlandfreundlichen UMP-Sympathisanten, wohl aber aus anderen Beweggründen. In den letzten Jahren hat sich Deutschland in der Entwicklung erneuerbarer Energien sehr gesteigert und betrachtet Frankreich manchmal als „atomkraftbesessen“. Tom Theunissen veranschaulicht in seiner Dokumentation folgendes Paradox. Ein Vivarium im Südosten Frankreichs, welches seine Besucher über den Lebensraumschutz von Reptilien informiert, benutzt gleichzeitig Strom von einem Atomkraftwerk, um seinen Wildpark zu heizen. In Frankreich ist die Wahl der Atomkraft teilweise jedoch durch eine starke Verknüpfung zwischen Industrie und ihrem Umfeld gerechtfertigt. Neben der produzierten Energie schafft das Kraftwerk auch Arbeitsplätze und ist somit Kapital für die Einwohner der Region.








